Neue Ideen für die Seniorenbetreuung

Neue Ideen für die Betreuungsarbeit

Geben und Nehmen

Sie sind eigentlich erschöpft, aber wenn Sie gefragt werden, ob Sie für eine erkrankte Kollegin einspringen können, sagen Sie trotzdem „Ja“? Sie können nachts nicht gut schlafen? Sie können mit niemandem über belastende berufliche Situationen sprechen? Sie haben das Gefühl, es gibt nur noch Arbeit, Essen, Schlafen? Sie können sich nicht erinnern, wann Sie zuletzt etwas gemacht haben, was sie persönlich als wohltuend, ja vielleicht sogar als kleinen Luxus erlebt haben?

Im Bereich der Seniorenhilfe und des Gesundheitswesens arbeiten sehr viele Menschen, die gerne anderen helfen. Sie haben Freude daran, etwas zu geben. Es ist auch nichts Verwerfliches daran, sich an der Dankbarkeit und dem Wohlergehen Anderer mitzufreuen. Dies ist für viele Pflege- und Betreuungskräfte ein wichtiger Faktor ihrer Arbeitszufriedenheit.

Aus dem Gleichgewicht

Die Gefahr lauert darin, dass die Balance zwischen Geben und Nehmen aus dem Gleichgewicht gerät. Wer immer nur gibt und dabei seine eigenen Bedürfnisse immer hinten anstellt oder gar ganz vernachlässigt, der brennt irgendwann aus und braucht selbst Hilfe.

Daher sollten Pflegende und Betreuerinnen besonders gut für ihre eigenen Bedürfnisse sorgen.

Dazu gehört auch, ehrlich „nein“ zu sagen, wenn das wiederholte Einspringen sie daran hindert, einmal selbst zur Ruhe zu kommen und für sich selbst zu sorgen. Wenn ihre Vorgesetzte kein einfaches „nein“ akzeptiert, dann dürfen Sie ruhig auch einmal sagen, dass sie schon einen wichtigen Termin haben. Nämlich einen Termin mit sich selbst, um z.B. ins Schwimmbad zu gehen oder einem Hobby nachzugehen. Ihr Termin mit sich selbst ist absolut wichtig, denn er schützt Ihre Gesundheit!

Bei ihren dementen Patienten bzw. Bewohnern achten Sie darauf, dass die psychischen Grundbedürfnisse nach Kitwood nicht zu kurz kommen. Aber wie sieht es mit Ihnen aus? Sorgen Sie dafür, dass Sie genügend Trost, Nähe, Einbeziehung und Bindung haben? Oder besteht Ihre Identität nur im Dasein für Kranke und Alte? Gibt es da noch eine Person mit einem eigenen Leben mit Wünschen, mit Freude, mit eigenen Interessen? Schreiben Sie einmal eine Liste mit 20 Dingen bzw. Tätigkeiten, die Ihnen Freude machen! Das fällt so manchem, der immer nur an Andere denkt, schwer. Und wenn Sie die Liste geschrieben haben, machen Sie einen Plan, wann Sie einige dieser Interessen in die Tat umsetzen werden.

Das Recht, nur für uns selbst da zu sein

„Wir alle haben das Recht, immer wieder auch nur für uns selbst da zu sein. Etwas zu tun, was nur uns nutzt oder gefällt. Untätig zu sein, ohne uns entschuldigen zu müssen“, betont Dipl.-Psychologin Dr. Beate Weingardt (1).

Viele Menschen beziehen ihr Selbstbewusstsein vor allem aus ihrem Tun: Je mehr ich leiste, desto wichtiger, anerkannter und wertvoller bin ich. Gerade auch in Einrichtungen in christlicher Trägerschaft wird eine Sicht von Nächstenliebe propagiert, die auf die eigenen Bedürfnisse keine Rücksicht nimmt und letzten Endes in nichts anderes als Selbstausbeutung mündet. Dies widerspricht aber völlig dem Gebot „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Nur wer sich selbst als Menschen mit eigenen Bedürfnissen liebevoll annimmt und pflegt, der kann andere liebevoll pflegen und betreuen.

Bei Ordensschwestern und Ordensbrüdern, die auch oft in helfenden Berufen arbeiten, kennt man den Begriff „Opferseelenkrankheit“ für einen Menschen, der ständig anderen helfen will, aber dabei seiner eigenen Seele schadet. Schon vor rund neunhundert Jahren hat der Ordensgründer Bernhard von Clairvaux seine Mitbrüder dazu ermahnt, selbst zu nehmen, bevor sie geben. Auch heute scheint mir dieser Text hochaktuell:

Sei eine Schale

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,

während jene wartet, bis sie gefüllt ist. 

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch, freigebiger als Gott zu sein.

Die Schale ahmt die Quelle nach.
Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See.
Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle...
Du tue das Gleiche!

Zuerst Anfüllen und dann Ausgießen! Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut?

Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux (1090 - 1153)

VG

Quellenangabe:

(1) Weingardt, Beate M.: Wer immer nur gibt … - Die eigene Balance finden. Brunnen Verlag Gießen, 2014, ISBN 978-3-7655-3798-1

Zum Nachdenken: